{"id":694,"date":"2013-11-19T12:12:23","date_gmt":"2013-11-19T11:12:23","guid":{"rendered":"\/Blog\/?p=694"},"modified":"2019-01-21T09:06:12","modified_gmt":"2019-01-21T08:06:12","slug":"closed-data","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/closed-data\/","title":{"rendered":"Closed Data"},"content":{"rendered":"<p>Es scheint als ob es zu dem Thema keinen griffigen Titel gibt, es sei denn so ein halbseitiges Untertitel-Ding, welches im 18Jh beliebt war:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8220;Closed Data, oder wie die \u00d6ffentlichkeit dem Staat Forschung und Datenerhebhung finanziert, und wie dieser uns f\u00fcr die Resultate nochmals bezahlen l\u00e4sst;  oder wie er die Daten an Dritte verkauft die sie dann wiederum an uns verkaufen&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Na, immerhin, damit ist gleich gesagt um was es geht.<\/p>\n<p>Wir B\u00fcrger eines Staates finanzieren eine ganze Menge wissenschaftliche Forschung \u00fcber die Steuern, und selbst da wo der Hintergrund nicht wissenschaftlich ist, sondern ganz einfach begr\u00fcndet in Verwaltungstechnischer Notwendigkeit &#8212; Zensus, Vermessung, Steuern, Rechteaus\u00fcbung, Justiz &#8212; fallen Daten an die wissenschaftlich interessant sind.<\/p>\n<p>Strassen-, Zonen-, und Katasterpl\u00e4ne, H\u00f6henmodelle, hydrographische Modelle, demographische Daten, meteorologische Daten, kriminalstatistische Daten und so weiter. Und dadurch dass diese Vorg\u00e4nge schon seit l\u00e4ngerem laufen, auch historische Daten. F\u00fcr alle diese Daten haben wir bereits einmal bezahlt, in dem wir ein Bundesamt oder eine Kantons- oder Stadtverwaltung damit betraut haben, und es daf\u00fcr mit Steuern bezahlen.<\/p>\n<p>Bildungs- und medizinische Einrichtungen produzieren nicht nur Daten, sondern forschen auch wissenschaftlich in s\u00e4mtlichen Bereichen. Auch solche Institutionen werden aktiv vom Steuerzahler unterhalten. Der Forscher wird bezahlt, daf\u00fcr dass er f\u00fcr sein Institut, und schlussendlich f\u00fcr die Allgemeinheit Forschung betreibt.<\/p>\n<p>Ein kleiner Teil dieser Daten sind Datenschutztechnisch relevant: Daten die sich auf lebende Personen beziehen: Steuererkl\u00e4rungen, medizinische Verl\u00e4ufe, etc. Bei diesen ist der Halter zu Geheimhaltung verpflichtet, so dass bei allf\u00e4lliger Ver\u00f6ffentlichung oder Weitergabe nicht auf die Person geschlossen werden kann. Diese Daten haben aber ebenfalls wissenschaftlichen Wert, wenn sie in passend anonymisierter Form vorliegen, z.b. um Gesundheitsrisiken statistisch auswerten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit ist eigentlich klar, dass hochaufl\u00f6sende Karten zu jeglichem Thema, anonymisierte Personenbezogene Daten, Umweltdaten jeglicher Art, und wisschenschaftliche Forschungsergebnisse der Allgemeinheit geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>M\u00f6chte der B\u00fcrger nun aber Zugriff auf diese Daten, so stellen sich ihm pl\u00f6tzlich H\u00fcrden in den Weg:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Historisch gewachsene B\u00fcrokratie<\/strong>. Daten m\u00fcssen manchmal ausgewertet (z.b. zusammengestellt, anonymisiert, katalogisiert) werden bevor sie ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen, und historisch gesehen war die Ver\u00f6ffentlichung selbst mit nicht geringen Kosten f\u00fcr Druck, Kopie oder Sendung verbunden. Dies hat dazu gef\u00fchrt dass Institutionen ihre Daten als prinzipiell &#8220;intern&#8221; angesehen haben, und jeden der zugreifen wollte als Bittsteller, welcher bitte zuerst warten und dann die Ver\u00f6ffentlichungskosten tragen sollte.<\/li>\n<li><strong>Finanzieller Druck<\/strong>. Institutionen, seien es \u00c4mter oder Forschungseinrichtungen, stehen unter einem finanziellen Druck von oben. Die Betrieber m\u00f6chten m\u00f6glichst wenig Geld ausgeben, und so erscheint es am einfachsten sich nicht nur die externen Kosten der Ver\u00f6ffentlichung bezahlen zu lassen, sondern da auch gleich Einnahmen zu generieren. Sobald die Publikationskosten gegen Null tendieren, was seit Gr\u00f6ssenordnung 1995 mit dem Internet der Fall ist, dann sieht man pl\u00f6tzlich wie eine Institution Geld verlangt, f\u00fcr etwas was schon lange bezahlt ist. Weshalb genau kosten Schweizer Karten 1:25&#8217;000 in elektronischer Form SFR 14 pro &#8220;Blatt&#8221; <a href=\"#Swisstopo\">[1]<\/a>?<\/li>\n<li><strong>Propaganda<\/strong>. Der Schritt von &#8220;<em>f\u00fcr die Publikation m\u00fcssen wir die Unkosten der Ver\u00f6ffentlichung selber erstattet haben<\/em>&#8221; zu &#8220;<em>f\u00fcr die Publikation wollen wir die Unkosten der ganzen Forschung erstattet haben<\/em>&#8221; ist ein kleiner, aber sehr relevanter. Pl\u00f6tzlich sind die Daten nicht mehr der \u00d6ffentlichkeit, sondern zum Rechtsgut derjenigen geworden die sie erstellt haben (auch wenn die \u00d6ffentlichkeit sie daf\u00fcr eigentlich bezahlt hat). Es werden Copyright-Vermerke draufgeknallt, und man versucht die ganze Verwertungskette zu kontrollieren. Gef\u00f6rdert wurde dieses Denken durch die wachsende Propaganda seitens privater Rechteverwerter seit den 1980er Jahren, die es auch geschafft haben, das Urheberrecht seither nicht weniger als X mal zu versch\u00e4rfen &#8212; jedesmal auf Kosten der \u00d6ffentlichkeit. Auch hier wieder als Beispiel die Swisstopo, respektive deren Lizenzen <a href=\"#SwisstopoLizenz\">[2]<\/a>.<\/li>\n<li><strong>Rentensuche<\/strong>. Noch wildere Bl\u00fcten betreibt das Gesch\u00e4ft mit den \u00d6ffentlich finanzierten Daten im akademischen Bereich. Hier haben sich einerseits wissenschaftliche Verlage etabliert, die die Aufmerksamkeit und Reputation Ihrer Leser an potentielle Autoren verkaufen, welche dann nicht nur die Publikationskosten in einem Journal bezahlen, sondern auch noch Reviews der Arbeiten anderer Autoren gratis durchf\u00fchren damit schlussendlich die Verlage das Journal den Bildungseinrichtungen zu horrenden Abonnementspreisen wieder zur Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnen. Eine komplett parasit\u00e4re Einrichtung welche eigentlich nur via Bildungsbudgets von der \u00d6ffentlichkeit eine Rente bezieht.<\/li>\n<li><strong>Futterneid<\/strong>. Die Daten die die eine Institution oder der eine Forscher hat, die sollen andere entweder nicht haben, oder nicht benutzen k\u00f6nnen ohne daf\u00fcr zu zahlen. Und nat\u00fcrlich ohne zu ber\u00fccksichtigen dass die Daten eigentlich schon von der \u00d6ffentlichkeit finanziert wurden. Auch hier spielt wieder das Urheberrecht mit, oder wenigstens die von den obig erw\u00e4hnten Rechteverwertern gepr\u00e4gte Weltbild. Aber noch viel interessanter ist hier ein anderes System, dass es erlaubt allen anderen die Benutzung von eigenen Ideen zu verbieten (Nota bene: Es erlaubt nicht die eigenen Ideen selber zu benutzen; es ist ein reines Veto-Recht gegen\u00fcber anderen). Das Patentsystem. W\u00e4hrend akademische Forschung fr\u00fcher das fr\u00fcher zur Privatsache erkl\u00e4rt hat, ist es durch das Zusammenspiel der hier erw\u00e4hnten Faktoren zum Usus geworden als Einrichtung Patente zu f\u00f6rdern, so dass schlussendlich die \u00d6ffentlichkeit eine Erfindung die sie bezahlt hat, nicht einmal mehr Nutzen darf ohne Lizenzgeb\u00fchren zu bezahlen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese ganzen Mechanismen machen es schwierig f\u00fcr B\u00fcrger die Daten die mit ihrem eigenen Geld erhoben wurden zu bekommen. Als ich 1996 im Rahmen einer soziologischen Arbeit <a href=\"#VictimlessCrimes\">[3]<\/a> Daten gesucht habe, konnte ich die in der Schweiz nur entweder auf Papier oder sehr teuer &#8220;einzelne Anfrageresultate&#8221; auf Diskette bekommen; schlussendlich habe ich stattdessen US-Daten verwendet.<\/p>\n<p>Ich bin nicht der einzige der schlussendlich irgendwie ausgewichen ist. Das http:\/\/www.openstreetmap.org Projekt besteht aus Daten die von Leuten ehrenamtlich per GPS gesammelt wurden, obwohl genau dieselben Daten schon in Grundbuch\u00e4mtern und den Topografischen Institutionen vorhanden gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wie hingegen die Welt aussieht wenn B\u00fcrger und interessierte Stellen Zugriff auf solche Daten haben, das sieht man in den Beispielen auf http:\/\/opendata.ch\/ Schlussendlich ist die Summe eben gr\u00f6sser als die Anzahl ihrer Teile; und was alles aus irgendwelchen Daten entstehen kann k\u00f6nnen wir uns im vornherein nicht wirklich genau vorstellen, also ist die einzig sinnvolle Reaktion eben den Zugriff auf diese Daten m\u00f6glicht vielen Leuten zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>[1] <a id=\"Swisstopo\" href=\"https:\/\/shop.swisstopo.admin.ch\/de\/products\/maps\/leisure\/hike\/hiking_maps25zus\" title=\"Swisstopo\">Swisstopo<\/a><br \/>\n[2] <a id=\"SwisstopoLizenz\" href=\"https:\/\/www.swisstopo.admin.ch\/de\/swisstopo\/rechtsgrundlagen\/lizenzen.html\" title=\"Swisstopo: Lizenzen\">Swisstopo: Lizenzen<\/a><br \/>\n[3] <a id=\"VictimlessCrimes\" href=\"\/Blog\/attitudes-towards-victimless-crimes\/\" title=\"Attitudes towards Victimless Crimes\">Attitudes towards Victimless Crimes<\/a>, Peter Keel, 1996<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich das Gegenteil von &#8220;Open Data&#8221;, und was sind die Hintergr\u00c3\u00bcnde weshalb nicht grunds\u00c3\u00a4tzlich schon alles &#8220;Open Data&#8221; ist?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,88,6],"tags":[],"class_list":["post-694","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-copyright-politics","category-patents-politics","category-politics"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=694"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/694\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1335,"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/694\/revisions\/1335"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}