{"id":108,"date":"2009-09-29T12:37:33","date_gmt":"2009-09-29T11:37:33","guid":{"rendered":"\/Blog\/?p=108"},"modified":"2009-09-29T12:42:27","modified_gmt":"2009-09-29T11:42:27","slug":"kleine-schwert-taxonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/seegras.discordia.ch\/Blog\/kleine-schwert-taxonomie\/","title":{"rendered":"Kleine Schwert-Taxonomie"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es um Schwerter geht sind da einige Mythen im Umlauf was denn was ist, und vor allem werden Begriffe aus verschiedenen Epochen bunt gemischt. Ich will da einige Begriffe etwas aufkl\u00e4ren. Dieser Text erhebt aber keinerlei Anspruch auf eine generelle Typologie, daf\u00fcr sei auf <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Oakeshott_typology\">Oakeshott<\/a> verwiesen. Ebenso erw\u00e4hne ich nicht s\u00e4mtliche existierenden Blankwaffen und Variationen davon die jemals aufgetaucht sind, sondern nur einige Ausgew\u00e4hlte, im wesentlichen vom 14-19Jh. <\/p>\n<h2>Historischer Abriss<\/h2>\n<h3>Mittelalter<\/h3>\n<p>Hier ist die Welt einfach. Eigentlich gibt es zwei generelle Begriffe: Schwert und Messer. Das Schwert ist beidseitig geschliffen, das Messer einseitig (auch wenn die Spitze ebenfalls beidseitg geschliffen sein kann). Anhand Form, L\u00e4nge und Zweck kann dann noch weiter unterschieden werden, teilweise gibt es einen eigenen Begriff daf\u00fcr, teilweise wird einfach ein Wort davorgestellt:<\/p>\n<p>So gibt es unter den Messern z.b. die &#8220;Bauernwehr&#8221;, das &#8220;Lange Messer&#8221; und das &#8220;Falchion&#8221; (auch &#8220;Malchus&#8221; genannt). <\/p>\n<p>Bei den Schwertern haben wir im wesentlichen das &#8220;Schwert&#8221; und das &#8220;Lange Schwert&#8221;. Das &#8220;Lange Schwert&#8221; klassiert ein relativ kleines (Gesamtl\u00e4nge 100-130cm), am Gurt getragenenes, Schwert zur zweih\u00e4ndigen Benutzung. Es taucht im 14. Jh. auf und ist im wesentlichen eine zivile Waffe, die ohne Schild eingesetzt wird. <\/p>\n<p>Andere Namen f\u00fcr das &#8220;Lange Schwert&#8221; sind &#8220;Anderthalbh\u00e4nder&#8221; oder &#8220;Bastardschwert&#8221;, beide Namen kommen aus sp\u00e4terer Zeit und implizieren f\u00e4lschlicherweise dass das Schwert einh\u00e4ndig gef\u00fchrt werden kann (Tats\u00e4chlich gibt es Techniken f\u00fcr zweih\u00e4ndig gef\u00fchrte Schwerter wo die eine Hand den Griff verl\u00e4sst; aber das heisst nicht dass die generelle Benutzung einh\u00e4ndig sein kann, oder dass ein Schild dazu getragen werden kann). Besonders f\u00fcr Stich ausgebildete Schwerter werden manchmal &#8220;Estoc&#8221; genannt. <\/p>\n<h3>Renaissance<\/h3>\n<p>Im 16. Jahrhundert haben wir es mit Verl\u00e4ngerungen von Schwert und Messer zu tun. Zum &#8220;Langen Schwert&#8221; gibt es nun den grossen Bruder, das &#8220;Zweihandschwert&#8221; oder &#8220;Bidenh\u00e4nder&#8221;, welches nicht in einer Scheide getragen wird (da zu lang; typische L\u00e4nge 130-160cm, f\u00fcr Paradewaffen bis 210cm) und eine Kriegs- oder Paradewaffe ist. Zum &#8220;Langen Messer&#8221; gibt es nun das &#8220;Grosse Messer&#8221;, dasselbe wie das &#8220;Zweih\u00e4ndschwert&#8221; aber nur einseitig geschliffen. <\/p>\n<p>Auf der anderen Seite entsteht aus dem &#8220;Schwert&#8221; oder dem &#8220;Estoc&#8221; als ziviler Waffe die neue zivile Waffe &#8220;Rapier&#8221; (zu der Zeit selten so genannt, meistens wird es immer noch &#8220;Schwert&#8221; genannt), die vor allem auf Stich ausgelegt ist. Dadurch dass es vor allem auf Stich gegen leichtger\u00fcstete Gegner ausgelegt ist, ist es m\u00f6glich Gewicht zu sparen, was wiederum dazu f\u00fchrt dass es l\u00e4nger sein kann als fr\u00fchere Einhand-Schwerter (100-140cm; typisch sind 120cm). <\/p>\n<h3>Neuzeit<\/h3>\n<p>Im 17Jh setzt sich das &#8220;Messer&#8221; wieder durch, diesmal unter ganz anderem Namen, n\u00e4mlich als &#8220;S\u00e4bel&#8221;, der sich vor allem bei Kavallerie als \u00fcberlegen gezeigt hat. Der Name kommt vermutlich vom Ungarischen &#8220;Szablya&#8221;; die Ungaren hatten diese Form von &#8220;Messern&#8221; schon im 16Jh. adoptiert. Wo sich der Name &#8220;Messer&#8221; noch halten kann ist beim &#8220;Entermesser&#8221;, welches ebenfalls in der zweiten h\u00e4lfte des 17Jh auftaucht. <\/p>\n<p>Beim Schwert haben wir die Entwicklung in zwei generelle Varianten, im englischen &#8220;Small Sword&#8221; und &#8220;Broad Sword&#8221;. Die deutschen Entsprechungen daf\u00fcr sind am ehesten &#8220;Degen&#8221; und &#8220;Pallasch&#8221;. Der &#8220;Degen&#8221; verf\u00fcgt dabei \u00fcber eine relativ schmale Hieb- und Stichklinge im Bereich von 2-3cm; w\u00e4hrend die des &#8220;Pallaschs&#8221; im Bereich von 3-5cm ist. Typischerweise hat der Pallasch auch einen ausgebildeten Griffkorb. <\/p>\n<p>Regionale Entwicklungen w\u00e4ren das schottische &#8220;Broad Sword&#8221; oder das italienische &#8220;Schiavona&#8221;, beides &#8220;Pallasche&#8221;. Ebenfalls eine lokale Entwicklung im 17Jh. haben wir bei den Zweihandschwertern, n\u00e4mlich die typische &#8220;Claymore&#8221;-Form des schottischen Zweihandschwertes. <\/p>\n<h2>Miskonstrukte<\/h2>\n<p>Wir haben einige Probleme mit falschen Assoziationen und mit Konstrukten die in Literatur und Spielen entstanden sind, da herumgeschleppt werden und es teilweise bis in popul\u00e4rwissenschaftliche Werke geschafft haben. <\/p>\n<p>Das deutsche Wort &#8220;Degen&#8221; wird durch das moderne Fechten oft mit Klingen assoziiert die im 18Jh zur \u00dcbungswaffe &#8220;Florett&#8221; geh\u00f6rten (vergleichbar mit den &#8220;Fechtfedern&#8221; des Mittelalters). Der moderne Fechtdegen hat aber nichts mit der zivil- und Kriegswaffe &#8220;Degen&#8221; des 17-19Jh. zu tun; welche tats\u00e4chlich viel eher mit dem Schwert verwandt ist. <\/p>\n<p>Das &#8220;Lange Schwert&#8221; als &#8220;Anderthalbh\u00e4nder&#8221; mit der Implikation es k\u00f6nne auch einh\u00e4ndig benutzt werden. Oder der Begriff &#8220;Bastardschwert&#8221;, auch eine neuzeitliche Erfindung. Ebenso die Zusammenziehung &#8220;Langschwert&#8221; die dann oft als eigenst\u00e4ndige Einhandwaffe auftaucht. Die Zusammenziehung wurde im Mittelalter im deutschen Sprachraum nicht verwendet, und einen speziellen Begriff f\u00fcr ein einh\u00e4ndig gef\u00fchrtes Schwert gab es ebenfalls nicht.<\/p>\n<p>Das &#8220;Broad Sword&#8221; respektive die deutsche \u00dcbersetzung davon &#8220;Breitschwert&#8221;, hat f\u00fcr ziemliche Verwirrung gesorgt, auch im Zusammenhang mit dem &#8220;Langschwert&#8221;. Wenn man schon ein (einh\u00e4ndiges) &#8220;Langschwert&#8221; hat, dann ist es doch logisch dass man noch andere einh\u00e4ndige Schwerter hat wie das &#8220;Kurzschwert&#8221; oder eben das &#8220;Breitschwert&#8221;? Tats\u00e4chlich macht der Begriff nur im englischen Sinn, um eben &#8220;Small Sword&#8221; von &#8220;Broad Sword&#8221; zu unterscheiden und geh\u00f6rt auch nur in diesen Kontext. Nat\u00fcrlich kann man statt &#8220;Pallasch&#8221; auch den Begriff &#8220;Breitschwert&#8221; verwenden, aber man sollte das dann auch auf die entsprechenden Waffen des 17-19Jh. beziehen und nicht auf irgendwelche breitklingigen mittelalterlichen (oder pseudomittelalterlichen) Schwerter.<\/p>\n<p>Das &#8220;Kurzschwert&#8221;, wiederum ein Konstrukt das sich aus dem &#8220;Langschwert&#8221; ergibt. Einen speziellen Begriff f\u00fcr ein einh\u00e4ndig gef\u00fchrtes Schwert gab es nicht, auch nicht f\u00fcr besonders kurze Exemplare. Typischerweise sind diese im Mittelalter als &#8220;Seitenwehr&#8221; getragenen kurzen Waffen eher als Messer ausgef\u00fchrt. Oder aber es handelt sich um besonders lange Dolche (z.b. der sogenannte &#8220;Schweizerdegen&#8221;, wobei wir hier auch gleich den etymologischen Ursprung des Wortes &#8220;Degen&#8221; drin haben, n\u00e4mlich frz &#8220;Dague&#8221;, also &#8220;Dolch&#8221;). F\u00fcr andere kurze Schwerter haben wir andere Bezeichnungen z.b. der r\u00f6mische &#8220;Gladius&#8221; oder der &#8220;Katzbalger&#8221; des 16Jh. <\/p>\n<h2>Ein Wort zu L\u00e4ngen und Gewichten<\/h2>\n<p>L\u00e4nge und Gewicht einer Blankwaffe ergeben sich aus 3 Faktoren: Was kann der Benutzer ziehen und tragen, was kann der Benutzer handhaben und schlussendlich, was ist die Idee der Handhabung (vorallem ob die Waffe f\u00fcr Hieb und Stich oder nur f\u00fcr Stich gedacht ist)? <\/p>\n<p>Bei den &#8220;Langen Schwertern&#8221; und dem &#8220;Rapier&#8221; ergibt sich eigentlich die Maximall\u00e4nge ausschliesslich \u00fcber die Waffenl\u00e4nge die eine bestimmte Person am G\u00fcrtel tragen und auch noch ziehen kann. Je nach K\u00f6rpergr\u00f6sse und Arml\u00e4nge variiert das von Person zu Person, liegt aber meist irgendwo zwischen 100 und 140cm. <\/p>\n<p>Aus der L\u00e4nge resultiert dann auch das Gewicht, welches man nat\u00fcrlich versucht m\u00f6glichst niedrig zu halten. Ein &#8220;Langes Schwert&#8221; das auch f\u00fcr Hieb verwendet wird ben\u00f6tigt naturgem\u00e4ss auch weiter vorne mehr Masse als ein &#8220;Rapier&#8221; mit dem fast nur gestochen wird. Entsprechend finden wir beim &#8220;Langen Schwert&#8221; ein Gewicht um 1.3-1.8kg, beim &#8220;Rapier&#8221; ein Gewicht um 1.0-1.5kg.<\/p>\n<p>Wenn man eine Einhandwaffe auch f\u00fcr Hieb benutzen will muss diese entsprechend k\u00fcrzer sein als eine reine Stichwaffe. Hier scheint sich fast \u00fcberall eine l\u00e4nge um 100cm und ein Gewicht von 1.0kg als ideal herauszukristallieren; mit verschiedenen Variationen f\u00fcr mehr Stich- oder Hieblastigkeit, und mit verschiedenen Variationen f\u00fcr die pers\u00f6nliche Pyhsis des Benutzers. So ist der Pallasch typischerweise etwas k\u00fcrzer und schwerer als der Degen; oder S\u00e4bel f\u00fcr Kavallerie etwas schwerer und l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Bei der L\u00e4nge von eigentlichen &#8220;Zweihandschwertern&#8221; scheint eher das Gewicht (und die entsprechende Rigidit\u00e4t der Klinge und das Moment) der limitierende Faktor zu sein. Typischerweise bewegt sich die L\u00e4nge von 140-160cm, bei einem Gewicht von 1.8-2.5kg. F\u00fcr reine Paradewaffen gibt es fast keine Grenzen nach oben. <\/p>\n<p>Auch beim Gewicht haben wir es mit einigen absurden Vorstellungen zu tun. Einerseits weil Schaukampfwaffen aufgrund der ben\u00f6tigten ca 2mm dicken Schneiden 1.5x bis 2x schwerer sind als eigentliche Waffen. Und andererseits weil Literatur, Volksmund, Filme und Spiele diese als extrem schwer dargestellt haben (Beispiele: Das Schwert von Conan aus den entsprechenden Filmen w\u00e4re ca. 3.5kg schwer. Oder der Friesische Volksheld Pier Gerlofs Donia, dem ein 213cm Zweihandschwert mit 6.6kg Gewicht zugeschrieben wird).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es um Schwerter geht sind da einige Mythen im Umlauf was denn was ist, und vor allem werden Begriffe aus verschiedenen Epochen bunt gemischt. Ich will da einige Begriffe etwas aufkl\u00e4ren. Dieser Text erhebt aber keinerlei Anspruch auf eine generelle Typologie, daf\u00fcr sei auf Oakeshott verwiesen. 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